Gedenktage

Super-GAU im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986

Alltag - Gedenktage - Jahrestage - Aktionstage

Vor 31 Jahren ereignete sich die Katastrophe im Kernkraftwerk von Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat, Ukraine (damals noch Sowjetunion). Der Super-Gau war Folge einer Kernschmelze und Explosion im Kernreaktor Block 4. Er gilt als die schwerste nukleare Havarie und war/ist eine fürchterliche Umweltkatastrophe.

Mängel in der Konstruktion und Planungs- und Bedienungsfehler am Reaktor bewirkten dieses atomare Unglück. Im Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerk schmolz der Reaktorkern bei Tests für das Notstromsystem. Ein Stromausfall wurde simuliert, Sicherheitsvorschriften wurden dabei allerdings nicht beachtet. Das Kühlsystem arbeitete nicht richtig und die Temperatur stieg immer weiter an. Dann kam es folglich zu einer Serie von Explosionen.

Die Reaktorhülle flog in die Luft, eine radioaktive Wolke breitete sich aus. Radioaktive Teilchen sprühten nahezu 1.000 Meter hoch in den Himmel. Die Strahlung war um ein Vielfaches höher, als bei der Atombombenexplosion in Hiroshima 1945. Große Mengen an radioaktivem Material verteilten sich hauptsächlich über die Region nordöstlich von Tschernobyl, aber auch über vielen Regionen Europas kam es zum Fallout. Prypjat wurde am 27. April evakuiert, die Umgebung bis 30 km um den Reaktor in den folgenden Tagen. Am 28. April meldeten die sowjetischen Nachrichten erst die Katastrophe, deren Tragweite verharmlost wurde. Das Ausmaß wurde erst nach und deutlich.

Da, wo selbst Roboter wegen der hohen Strahlenwerte ihren Dienst versagten, wurden in den darauf folgenden Monaten hunderttausende – s.g. Liquidatoren (Aufräumarbeiter) – eingesetzt, um die Verseuchung zu beseitigen. Ein lebensgefährlicher Einsatz. Um den Reaktor wurde ein Betonmantel (Sarkophag) errichtet, der zuletzt 2016 nochmal umbaut werden musste. siehe dazu auch: ebrd.com Die neue Schutzhülle soll 100 Jahre halten. Noch in Jahrtausenden wird die Strahlung, die nach dem GAU freigesetzt wurde, an der Atomruine nachweisbar sein, sollte es nicht gelingen, den radioaktiven Schrott unschädlich zu machen. Experten meinen, dass 100 Jahre durchaus nötig seien.

Viele der Liquidatoren starben. Sie erkranken häufiger an Krebs als andere Menschen. Stoffwechsel und Organe, Haut und Nerven, Psyche, Sinnesorgane, Kreislauf, Atmung und vieles mehr sind bei vielen geschädigt. Selbst ihre Kinder sind betroffen. Sie weisen bis zu siebenmal mehr Veränderungen am Erbgut auf, als Geschwister, die vor dem Einsatz in Tschernobyl gezeugt wurden. Auch die normale Bevölkerung ist betroffen. Vor allem in Weißrussland, Russland und der Ukraine.

Die Zahlen und Fakten der Folgen schwanken je nach Studie und Organisation. Hier zum Beispiel Zahlen des IPPNW-Reports aus 2016 von der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.  Ich halte sie für realistisch.

Weiterführende Informationen:

lpb-bw.de Landeszentrale für politische Bildung – Baden-Württemberg
bpb.de Bundeszentrale für politische Bildung
greenpeace-magazin.de
planet-wissen.de

Verrückte Welt. Mancher mag es kaum glauben, auch wenn man mittlerweile wissen könnte, zu was der Mensch alles im Stande ist. Nach dem Unglück boomt in der Sperrzone der Katastrophentourismus mit dem Segen der ukrainischen Regierung. Trotz Strahlung kommen jedes Jahr Tausende Menschen zu Führungen. Nach dem man sich Sicherheitsregeln durchgelesen und das mit Unterschrift dokumentiert hat, wird die Reisegruppe dann zur ?Fotosafarie? durch das radioaktiv verseuchte Gebiet begleitet.

9 Kommentare

  • Hallo Hans,
    gut, dass du noch einmal auf dieses wichtige Ereignis hingewiesen hast. Im Nachhinein versteht man nicht, warum nicht damals schon die Konsequenzen gezogen wurden, wie später nach Fukushima. Hoffen wir, dass nichts mehr passiert, bis auch die letzten Atomreaktoren abgeschaltet sind.
    Viele Grüße
    Ann-Bettina

    • Hallo Ann-Bettina,

      das wollen wir doch alle hoffen, dass nicht noch mal etwas passiert.
      Hoffen wir auch, dass man in den hundert Jahren, die die 1,5 Milliarden teure Schutzhülle hält, eine gute Möglichkeit gefunden wird, dem atomaren Schrott den Garaus zu machen.

      Lieben Gruß
      Hans

  • Hallo zusammen,

    leider machen bei dem Atomausstieg nicht alle Länder mit, einige unserer Nachbarn bauen sogar noch weitere AKW dazu. Noch trauriger ist, dass z. B. in Belgien Schrottmeiler ohne Rücksicht auf Verluste weiterlaufen dürfen, trotz sehr hoher Sicherheitsbedenken. Statt einer Abschaltung werden lieber Jod-Tabletten verteilt.

    Dazu gibt es einen Bericht auf heise.de

    Da sind mir hunderte Windräder in meiner nahen Umgebung lieber als ein weit entferntes AKW.

    Man kann leider wirklich nur noch hoffen, dass nichts mehr passiert. Das ist aber weltweit betrachtet wohl sehr unwahrscheinlich, aufgrund des stark multiplizierten minimalen Restrisikos und sehr langer Laufzeiten der verbleibenden und späteren AKW. Selbst der Rückbau ist mit einem Risiko behaftet.

    Gruß

    Sven

    • Hallo Sven,

      danke herzlich für dein Statement.

      Windkraftanlagen ziehe ich ebenfalls den AKW vor, in der Hoffnung, dass sie die Natur nicht beeinträchtigen.

      HG Hans

  • Wenn ich das so lese wird mir wieder anders. Mein Wohnort ist Aachen und wer die aktuelle Situation mit unserem Nachbarland verfolgt weiss, das solch ein Horrorszenario gar nicht so weit weg ist :-S

    AKWs mögen zu 99,9% sicher sein, aber die 0,1% reichen um sehr viel Leid über die Menschen zu bringen…

    Helmut

    • Hallo Helmut,

      und wir „müssen“ den Nachbarn auch noch mit Brennstäben versorgen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks verteidigt heute im Bundestag den Export an umstrittene belgische Atomkraftwerke unter Verweis auf europäisches Recht.

      Es gebe keine belastbare Grundlage, die Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen von der Sicherheit eines genehmigten Akw-Betriebs in der EU abhängig zu machen

      und weiter:

      „Solange in Deutschland Kernbrennstoffe produziert werden, müssen nach rechtsstaatlichen Grundsätzen auch Ausfuhrgenehmigungen erteilt werden.“

      Die Option einer Schließung der Uranfabriken hier in Deutschland lasse sie derzeit rechtlich prüfen.

      siehe: focus.de/../news/../hendricks-stopp-von-atom-exporten-an-belgische-akw-nicht-rechtens

      Ein schönes Wochenende und HG Hans

      • Hallo Hans,

        danke für den Hinweis. Dieses „rechtlich prüfen“ dauert dann bestimmt wieder ein wenig länger.

        Da bin ich ja mal gespannt.

        Auch von mir ein schönes Wochenende.

        Gruß

        Sven

  • Das Verrückte ist, dass es immer noch so viele Länder – auch in Europa gibt – die weiter auf Atomenergie setzen. Und bei uns plädiert die AfD für die Wiedereinführung dieser Technik. In unserer Region kämpfen zwei Lager mit allem was sie haben gegeneinander. Auf der einen Seite Umweltschützer, die gegen die Braunkohle in einer Weise kämpfen, die alles, was ich noch als „normalen“ Protest bezeichnen würde, weit übersteigt. Die Feindseligkeiten sind so aggressiv geworden, dass man sich fast wundern muss, dass es noch keine Toten gegeben hat.

    Auf der anderen Seite gibt es aufgrund der steigenden Stromkosten in Deutschland genug Leute, die die damaligen Regierungsbeschlüsse verteufeln. Mein Verständnis dafür hält sich in Grenzen. Wenn man Dank deines Beitrages nochmals vor Augen geführt bekommt, was damals passiert ist, wird einem klar, dass der Abschied von der Kernenergie richtig gewesen ist.

    • Hallo Horst,

      Man muss sich mal vor Augen halten, dass – im 21. Jahrhundert – erst noch Entsorgungsmöglichkeiten für den Atomschrott entwickelt/gefunden werden müssen, weil der Kram sonst noch ein paar tausend Jahre strahlt. Wer weiß, was in tausend Jahren ist?

      Die meisten von uns sind (hoffentlich) bestrebt, dass die Menschheit nach uns auch noch eine lebenswerte Welt hat.

      Lieben Gruß
      Hans

Ich freue mich auf und über Kommentare